Ansprache über Lehrpläne zu Armenien

Ich möchte eine kleine Geschichte aus der Schule erzählen, eine ermutigende Geschichte, wie ich finde.

Am Hölderlin-Gymnasium hat sie sich ereignet, hier in Köln, in Mühleim, initiiert von einem Lehrer, ausgeführt von seinen Schülerinnen und Schülern.

Am Ende hatten sie ein Dutzend eindrucksvolle Tafeln hergestellt, die sich mit der Geschichte des Genozids auseinandersetzen, mit dem Mahnmal hier in Köln, mit Armin T. Wegener, mit der Verwicklung des deutschen Kaiserreichs in den Völkermord, mit den Berichten von Überlebenden, mit Hrant Dink und mit der türkischen Zivilgesellschaft, die noch heute ihre Freiheit und ihr Leben riskiert, wenn sie den Völkermord anerkennt und dafür eintritt.

Die Schülerinnen und Schüler am Hölderlin-Gymnasium haben die Ergebnisse ihrer Recherchen auf Plakatkartons geschrieben, haben sie mit historischen Fotos und Dokumenten versehen, mit Zitaten, mit Zeichnungen. Ein Dutzend Schautafeln sind es geworden, die eindrucksvoll zeigen, wie empathisch hiesige Schüler*Innen sich den Menschen zuwenden, die das Grauen im Osmanischen Reich erleben mussten, obwohl diese Schüler doch erst 95 Jahre nach dem Menschheitsverbrechen zur Welt gekommen sind.

Ihre Eltern haben verschiedenste Wurzeln, sie liegen auch in der Türkei. Gerade deshalb ist es wichtig, festzuhalten: In diesem Geschichtskurs zum Genozid an den Armeniern gab es keinen Protest, keine nationalistischen Hetzreden, nur ein Junge aus Aserbaidshan tat sich sehr schwer mit den historischen Fakten. Die Eltern der türkischstämmigen Schüler protestierten ebenso wenig, auch externe Kritik blieb aus.

Das hätte durchaus passieren können. In diesem Fall hätte der Lehrer das nicht allein aushalten müssen, er konnte sich der Unterstützung seines Schulleiters sicher sein. Sie waren gemeinsam zu der Ansicht gelangt, es sei sinnvoll, die Erinnerung an den Genozid zum Thema an ihrer migrantisch geprägten Schule zu machen.

Wer den Lehrer nicht unterstützt hätte, wäre wohl das Schulministerium NRW gewesen. Denn die Beschäftigung mit dem Genozid an den Armeniern und anderen Minderheiten im Osmanischen Reich steht nicht im Lehrplan. In nunmehr zehn Jahren nach der Bundestagsresolution von 2016 hat es das Schulministerium nicht fertiggebracht, dieses Staatsverbrechen zu einem offiziellen Thema zu machen. Trotz der ausdrücklichen Bitte des Bundestages. Ich zitiere:

„Heute kommt schulischer (…) Bildung in Deutschland die Aufgabe zu, die Aufarbeitung der Vertreibung und Vernichtung der Armenier als Teil der Aufarbeitung der Geschichte ethnischer Konflikte im 20. Jahrhundert in den Lehrplänen und -materialien aufzugreifen und nachfolgenden Generationen zu vermitteln.“

Und weiter:

„Der Deutsche Bundestag ist der Ansicht, dass das Gedenken an die Opfer der Massaker und Vertreibungen der Armenier unter Berücksichtigung der deutschen Rolle einschließlich seiner Vermittlung an Mitbürgerinnen und Mitbürger türkischer und armenischer Herkunft auch einen Beitrag zur Integration und zum friedlichen Miteinander darstellt.“

Das Schulministerium in Brandenburg wollte deshalb vor Jahren den Genozid in den Lehrplan aufnehmen. Nach Intervention der Erdogan-Regierung ist die Entscheidung zurückgenommen worden. Beschämend. Genauso beschämend wie Tatsache, dass das Schulministerium NRW diesen Versuch erst gar nicht gemacht hatt. Aber immerhin verbietet es das Thema nicht, sondern erklärt auf Anfrage, (ich zitiere) „die Schulen können den Genozid an den Armeniern in die schulinternen Lehrpläne verschiedener Fächer aufnehmen“1.

Zurück zum Hölderlin-Gymnasium. Der Untericht in diesem Geschichtskurs zeigt: Eine den Opfern zugewandte Erinnerung an den Genozid ist, bei allen kulturellen oder nationalen Unterschieden, naheliegend und nahezu selbstverständlich. Es ist genauso wie hier am Mahnmal, das von so vielen Menschen aufgesucht oder auch nur zufällig gesehen wird. Ihr Blick auf das Menschheitsverbrechen ist geprägt von Empathie. Glücklicherweise besitzen wir Menschen diese Fähigkeit, wenn wir nicht von Nationalismus und Rassismus verblendet sind.

Am Hölderlin-Gymnasium wie hier vor Ort bleibt es eine Wahrheit, die als Überschrift in das Mahnmal eingraviert ist: „Dieser Schmerz betrifft uns alle.“

____________________
1 Aber immerhin sind interessante Materialien in einschlägigen Internet-Portalen veröffentlicht.
Der Deutsche Bildungsserver ( ein Gemeinschaftsservice von Bund und Ländern, https://www.bildungsserver.de/impressum/impressum-59-de.html) bietet folgende online-Ressourcen zum Thema Schulunterricht über den Genozid an Armenier:innen an (Stand 2025): https://www.bildungsserver.de/schule/voelkermord-an-den-armeniern-11374-de.html
Das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung BW bietet im Bildungsplan Geschichte für die Klassen 9 u. 10 (2016) diese Unterrichtseinheiten an: https://lehrerfortbildung-bw.de/u_gewi/geschichte/gym/bp2016/fb8/3_kl10/11_armenier/04_ue4/03_tabu/
Dieselbe Institution sowie der Landesbildungsserver BW (https://www.bildungsserver.de/bildungswesen-allgemein/die-landesbildungsserver-450-de.html) stellen hilfreiche Gegenargumente gegen die Leugnung des osmanischen Genozids zusammen: https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/gesellschaftswissenschaftliche-und-philosophische-faecher/geschichte/unterrichtsmaterialien/fenster-zur-welt-globalgeschichte/aghet-leugnung;
Die Bildungsmediathek NRW bietet immerhin eine Radiosendung vom BR von 2010 an:
https://bildungsmediathek-nrw.de/home?standort=LL&pid=4ntk2l91820d5vlht9plou06b9#558a0aaa14a2195e41ed92489fe3c20b 

Ansprache über Lehrpläne zu Armenien

Ich möchte eine kleine Geschichte aus der Schule erzählen, eine ermutigende Geschichte, wie ich finde.

Am Hölderlin-Gymnasium hat sie sich ereignet, hier in Köln, in Mühleim, initiiert von einem Lehrer, ausgeführt von seinen Schülerinnen und Schülern.

Am Ende hatten sie ein Dutzend eindrucksvolle Tafeln hergestellt, die sich mit der Geschichte des Genozids auseinandersetzen, mit dem Mahnmal hier in Köln, mit Armin T. Wegener, mit der Verwicklung des deutschen Kaiserreichs in den Völkermord, mit den Berichten von Überlebenden, mit Hrant Dink und mit der türkischen Zivilgesellschaft, die noch heute ihre Freiheit und ihr Leben riskiert, wenn sie den Völkermord anerkennt und dafür eintritt.

Die Schülerinnen und Schüler am Hölderlin-Gymnasium haben die Ergebnisse ihrer Recherchen auf Plakatkartons geschrieben, haben sie mit historischen Fotos und Dokumenten versehen, mit Zitaten, mit Zeichnungen. Ein Dutzend Schautafeln sind es geworden, die eindrucksvoll zeigen, wie empathisch hiesige Schüler*Innen sich den Menschen zuwenden, die das Grauen im Osmanischen Reich erleben mussten, obwohl diese Schüler doch erst 95 Jahre nach dem Menschheitsverbrechen zur Welt gekommen sind.

Ihre Eltern haben verschiedenste Wurzeln, sie liegen auch in der Türkei. Gerade deshalb ist es wichtig, festzuhalten: In diesem Geschichtskurs zum Genozid an den Armeniern gab es keinen Protest, keine nationalistischen Hetzreden, nur ein Junge aus Aserbaidshan tat sich sehr schwer mit den historischen Fakten. Die Eltern der türkischstämmigen Schüler protestierten ebenso wenig, auch externe Kritik blieb aus.

Das hätte durchaus passieren können. In diesem Fall hätte der Lehrer das nicht allein aushalten müssen, er konnte sich der Unterstützung seines Schulleiters sicher sein. Sie waren gemeinsam zu der Ansicht gelangt, es sei sinnvoll, die Erinnerung an den Genozid zum Thema an ihrer migrantisch geprägten Schule zu machen.

Wer den Lehrer nicht unterstützt hätte, wäre wohl das Schulministerium NRW gewesen. Denn die Beschäftigung mit dem Genozid an den Armeniern und anderen Minderheiten im Osmanischen Reich steht nicht im Lehrplan. In nunmehr zehn Jahren nach der Bundestagsresolution von 2016 hat es das Schulministerium nicht fertiggebracht, dieses Staatsverbrechen zu einem offiziellen Thema zu machen. Trotz der ausdrücklichen Bitte des Bundestages. Ich zitiere:

„Heute kommt schulischer (…) Bildung in Deutschland die Aufgabe zu, die Aufarbeitung der Vertreibung und Vernichtung der Armenier als Teil der Aufarbeitung der Geschichte ethnischer Konflikte im 20. Jahrhundert in den Lehrplänen und -materialien aufzugreifen und nachfolgenden Generationen zu vermitteln.“

Und weiter:

„Der Deutsche Bundestag ist der Ansicht, dass das Gedenken an die Opfer der Massaker und Vertreibungen der Armenier unter Berücksichtigung der deutschen Rolle einschließlich seiner Vermittlung an Mitbürgerinnen und Mitbürger türkischer und armenischer Herkunft auch einen Beitrag zur Integration und zum friedlichen Miteinander darstellt.“

Das Schulministerium in Brandenburg wollte deshalb vor Jahren den Genozid in den Lehrplan aufnehmen. Nach Intervention der Erdogan-Regierung ist die Entscheidung zurückgenommen worden. Beschämend. Genauso beschämend wie Tatsache, dass das Schulministerium NRW diesen Versuch erst gar nicht gemacht hatt. Aber immerhin verbietet es das Thema nicht, sondern erklärt auf Anfrage, (ich zitiere) „die Schulen können den Genozid an den Armeniern in die schulinternen Lehrpläne verschiedener Fächer aufnehmen“1.

Zurück zum Hölderlin-Gymnasium. Der Untericht in diesem Geschichtskurs zeigt: Eine den Opfern zugewandte Erinnerung an den Genozid ist, bei allen kulturellen oder nationalen Unterschieden, naheliegend und nahezu selbstverständlich. Es ist genauso wie hier am Mahnmal, das von so vielen Menschen aufgesucht oder auch nur zufällig gesehen wird. Ihr Blick auf das Menschheitsverbrechen ist geprägt von Empathie. Glücklicherweise besitzen wir Menschen diese Fähigkeit, wenn wir nicht von Nationalismus und Rassismus verblendet sind.

Am Hölderlin-Gymnasium wie hier vor Ort bleibt es eine Wahrheit, die als Überschrift in das Mahnmal eingraviert ist: „Dieser Schmerz betrifft uns alle.“

____________________
1 Aber immerhin sind interessante Materialien in einschlägigen Internet-Portalen veröffentlicht.
Der Deutsche Bildungsserver ( ein Gemeinschaftsservice von Bund und Ländern, https://www.bildungsserver.de/impressum/impressum-59-de.html) bietet folgende online-Ressourcen zum Thema Schulunterricht über den Genozid an Armenier:innen an (Stand 2025): https://www.bildungsserver.de/schule/voelkermord-an-den-armeniern-11374-de.html
Das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung BW bietet im Bildungsplan Geschichte für die Klassen 9 u. 10 (2016) diese Unterrichtseinheiten an: https://lehrerfortbildung-bw.de/u_gewi/geschichte/gym/bp2016/fb8/3_kl10/11_armenier/04_ue4/03_tabu/
Dieselbe Institution sowie der Landesbildungsserver BW (https://www.bildungsserver.de/bildungswesen-allgemein/die-landesbildungsserver-450-de.html) stellen hilfreiche Gegenargumente gegen die Leugnung des osmanischen Genozids zusammen: https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/gesellschaftswissenschaftliche-und-philosophische-faecher/geschichte/unterrichtsmaterialien/fenster-zur-welt-globalgeschichte/aghet-leugnung;
Die Bildungsmediathek NRW bietet immerhin eine Radiosendung vom BR von 2010 an:
https://bildungsmediathek-nrw.de/home?standort=LL&pid=4ntk2l91820d5vlht9plou06b9#558a0aaa14a2195e41ed92489fe3c20b